Thema Kommerzialisierung

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Thema Kommerzialisierung

      Am Dienstagabend legte der Wirtschaftsrat ein weiteres Stadiongespräch auf, zum Thema Kommerzialisierung des Fußballs. Ich will hier nicht detailliert auf die Teilnehmer und Inhalte eingehen, die Veranstaltung war nicht öffentlich. So viel kann ich aber sicherlich sagen: Die Meinungen, die der Kommerzialisierung Wort reden, waren durchaus stark vertreten. Ich bin hinterher von mehreren angesprochen worden, warum ich mich in der Fragerunde nicht zu Wort gemeldet habe, um eine deutliche Position entgegenzusetzen. Tatsächlich hätte mich das durchaus gejuckt, aber auf die Vielzahl der angesprochenen Aspekte fiel mir nicht DIE prägnante, kurze, zündende Widerrede ein. Ich hätte zu allem etwas sagen können, aber das hätte den Rahmen eines kurzen Diskussionsbeitrages gesprengt. Letztendlich war es ja ein Podiumsgespräch. Dennoch kann ich wenigstens im Nachgang hier ein Statement abgeben. Das darf gern anderswo genutzt werden, dann bitte mit Namensnennung.

      Eine, wenn nicht gar DIE Kernfrage war: "Darf" man mit (Profi-)Fußball Geld verdienen? Dazu gibt es keine Meinungsverschiedenheit. Ja klar, selbstverständlich. Nicht nur der Spieler, sondern auch die Brezelverkäuferin im Stadion verdient durch den Fußball Geld. Allerdings wird die Brezelverkäuferin sich nicht anmaßen, wegen des Kapitals, das sie eingesetzt hat, um ihren Vorrat von hundert Brezeln zu beschaffen, über die Geschicke des Vereins mitzubestimmen. Und da sind wir bei denen, die mit der Frage eigentlich gemeint waren, nämlich bei den Investoren im Fußball.

      Eine der abschreckendsten Perversionen besteht darin, dass bestimmte Investoren den sportlichen Erfolg regelrecht einkaufen. Dabei ist es nicht einmal so, dass die Höhe ihres Investments den sportlichen Erfolg bestimmt, sondern genau umgekehrt: Das sportliche Ziel bestimmt die Höhe des Investments. Da kommt etwa ein Brausefabrikant und fragt, wie viel es kostet, in zehn Jahren einen Platz in der Champions League zu haben. Den Preis, der ihm von einem kundigen Berater genannt wird, bezahlt er, und mit ziemlicher Sicherheit erhält er das nachgefragte Produkt. Mit sportlichem Wettbewerb hat das wenig zu tun. Für alle anderen, die mithalten wollen, bedeutet es, dass sie für den gleichen Tabellenplatz wie vorher von nun an mehr Geld aufwenden müssen. Mehr Geld für nicht mehr Erfolg. Was, bitteschön, sollten wir daran gut finden? Denn diese Überlegung führt unweigerlich zur zweiten Frage:

      Wer bezahlt den Fußball eigentlich? Der Investor ist es nämlich keineswegs, der bezahlt; zumindest dann nicht, wenn das Investment darauf ausgerichtet ist, Geld zu verdienen. Der Investor will - irgendwann - sein Geld zurückerhalten und noch einen Gewinn obendrauf. Darf man mit Fußball Geld verdienen? Ja, man darf. Aber diejenigen, die das tun, sind nicht die Bezahler. Und ich bin sehr dafür, dass die, die für die Musik bezahlen, bestimmen, was gespielt wird.

      Wer ist das? Es sind die Zuschauer und Fans. Wir alle bezahlen für den Fußball. Mit unseren Eintrittsgeldern, Vereinsbeiträgen, Ausgaben für Fanartikel und Stadionverpflegung. Mit den Produkten, die wir den beim Fußball Werbenden, zuvorderst mittels Fernsehreklame, abkaufen, und mit vielem anderen mehr. Nicht zuletzt mit unserem Engagement, den Verein lebendig zu halten, attraktiv zu machen, sein Image und seine Reputation zu verbessern. Im Gegensatz zu den Investoren bekommen wir von unserem Geld und für unser Engagement nichts zurück, wir ziehen keinen finanziellen Nutzen daraus. Deshalb ist es völlig legitim, dass wir selbst über den Verein bestimmen wollen und dafür Menschen aus unserer Mitte ins Präsidium wählen, die den Verein so gestalten, wie wir ihn haben wollen - und nicht so, wie er für Investoren den besten Gewinn abwirft.

      Vor reichlich zwei Jahrzehnten kam ein Investor in einer besonderen Situation zu uns. Die Situation war nämlich so, dass es mehr als unsicher schien, ob das von ihm gezahlte Geld jemals zurückfließen würde. Zudem gab er sein Geld zu Konditionen, die denkbar ungünstig für ihn selbst waren, dafür aber für den Verein die Rettung. Ich spreche von Michael Kölmel. Wir haben zudem eine Reihe von Sponsoren aus dem Mittelstand, die den Verein teils seit Jahrzehnten unterstützen und denen es immer um den Verein ging und sehr viel weniger um einen Rückfluss ihres Engagements in Form von Gewinnen und anderen Vorteilen. Das sind Beispiele, wo ich sage: Diese Sponsoren gehören ganz sicher zu den Bezahlern. Zur Union-Famile gehören sie sowieso. Sie haben ein viel größeres Anrecht, im Verein mitzureden als ein Investor, dem es vornehmlich um seinen Gewinn geht und um die Sicherheit seiner finanziellen Anlage.

      Heute ist es schon so weit, dass der sportliche Wettbewerb (und damit die Spannung) immer mehr eingeschränkt wird, weil Investoren das Risiko minimieren wollen. Deshalb befördern unter anderem die Regeln der Einnahmenverteilung, dass die Top Ten im Europäischen Fußball weitgehend unter sich bleiben und dass Bayern München Deutscher Meister auf ewig zu sein scheint.

      Aus diesen Gründen ist es richtig, wenn 50+1 bleibt. Wenigstens 50+1. Der Fußball hat seine Selbstbestimmung schon viel zu weit hergegeben, weil er sich selbst in die Abhängigkeit von Investoren begeben hat. Diese noch zu vertiefen, kann nicht die Lösung sein, ganz im Gegenteil.

      Es gab in dem Rahmen auch eine Nebendiskussion über Play-Offs. Dabei ist richtig: Play-Offs machen die letzten Spieltage der Saison spannender. Aber dieses Plus an Spannung wird lediglich zu Lasten der ersten Saisonphase erkauft. Welchen Wert sollte denn etwa für Bayern-München-Anhänger unter den Bedingungen von Play-Offs ein Vorrundenspiel Augsburg gegen Bayern haben? Heute sagt man sich: Wir wissen zwar, wer gewinnen wird, aber falls Bayern doch verliert, dann könnten ihnen vielleicht die drei Punkte am Saisonende entscheidend fehlen. Wenn es jedoch Play-Offs gibt, entfällt sogar dieser letzte Rest an Relevanz, denn dann fiele eine Niederlage für Bayern noch viel weniger ins Gewicht. Wer Play-Offs installiert, darf sich nicht wundern, wenn das Interesse im ersten Saisondrittel deutlich zurückgeht. Anstatt von Play-Offs brauchen wir eine wieder fairere Einnahmenverteilung, um den Wettbewerb wieder spannender zu machen. Denn ein Wettbewerb, in dem alle eine realistische Chance haben, macht die Attraktivität des Sports!